Agi Habryka & Daniel Auwermann – 2 Podcast-Hosts im Portrait

von Agi Habryka & Daniel Auwermann

Normalerweise diskutieren wir im Kreativiert Euch-Podcast mit Gästen, wie sie sich oder ihr Unternehmen kreativ transformieren. Oder welche Herausforderungen sie im Leben mit Kreativität bewältigt haben. Damit ihr da draußen und wir uns gegenseitig auch noch besser kennenlernen, haben wir uns in den letzten Wochen aber auch einfach mal gegenseitig gelöchert. Folgende Dinge haben wir übereinander erfahren:

Daniel über Agi Habryka

Agi bezeichnet sich selbst als Gangmitglied. Klingt erstmal krass. Was meint sie damit? „Ich fühle mich zugehörig“, sagt sie. Frei nach dem Motto „know your tribe, love them hard“.
Ein weiteres Attribut, bei dem ich mal nachhaken muss: Agi sieht sich mit Mitte 40 immer noch als Girl, nennt sich bei Instagram billythegirl. „Ich leide unter dem Tinkerbell Syndrom. Ich wollte lange nicht erwachsen werden, Steuern machen, ein Reihenhaus kaufen. Girl ist für mich eine Auszeichnung, damit wird das Kind in mir benannt.“


Außerdem ist sie wahnsinnig neugierig – so wie ich auch – und süchtig nach Sonne, ärgert sich über Ignoranz und Egoismus und ist dort zuhause, wo ihr Herz ist.

Regeln sind für Agi etwas, das man definitiv hinterfragen muss. „Ich tue mich ganz schwer mit Autoritäten und Grenzen, mag kein nine-to-five und Öffnungszeiten.“ Wen wundert es, Agi ist am glücklichsten, wenn sie frei sein kann.

Eines ihrer Tattoos ist das hawaiianische Wort imua, bedeutet soviel wie ‚Wenn du mit der Nase im Dreck liegst, steh auf und geh mit Würde weiter.‘

Sich immer wieder neu entdecken

Und wie sich das anfühlt, am Boden zu liegen, das kennt Agi nur zu gut.

Denn eigentlich wollte sie mal Akrobatin werden. Doch nach einem schweren Autounfall mit 20 musste sie diesen Traum aufgeben, sich im wahrsten Sinne des Wortes neu auf ihre Füße stellen und einen neuen Traum finden.
Surfen und Skaten wurden ihr neues Ding, das sie, wie sie sagt, mit perverser Leidenschaft verfolgt.

Wenn Agi etwas gepackt hat, dann ist sie nur schwer zu bremsen. Ein Freund hat ihr geraten: Know your limits. „Das ist der beste Rat, den ich mir selber immer wieder geben kann“, sagt sie. „Ich kenne meine Limits nicht so gut, gehe immer wieder über meine eigenen Grenzen, gefährde mich selbst. Aber das ist Teil meiner Transformation. Ich erlebe, entdecke und erfinde mich persönlich immer wieder neu.“
Was hält so jemanden am Boden? Ihr Mann und ihre Tochter. „Wenn die nicht wären, wäre ich der Heliumballon, der davonfliegt“, sagt Agi. In diesem Punkt haben wir definitiv eine Gemeinsamkeit!

Ihr Leben bestimmt ihren beruflichen Weg, ihr emotionaler Zustand bestimmt, wo die Reise für Agi hingeht. Zum Beispiel, ob sie morgens aufsteht oder nicht. „Es fällt mir sehr schwer, täglicher Routine zu folgen“, sagt sie. Zeit als Konzept ist nicht so ihr Ding.

Diese Haltung wurde durch tragische Erlebnisse wie ihren schweren Unfall oder den Tod ihres Bruders geprägt. Agi beschäftigt sich seit Jahren mit der Vanitas-Thematik, also mit Vergänglichkeit: „Wir Menschen sind echt dust in the wind.“ Agis Stärke liegt darin, sich immer wieder neue Träume zu suchen. In Afrika hat sie nach ihrem Unfall neue Kraft geschöpft und gelernt, was in ihr steckt und dass es immer irgendwie weiter geht.

Ungebremste Kreativität

Wie funktioniert Kreativität für Agi? Nur in einem positiven Umfeld oder auch wenn man am Boden liegt? Beides. „Ich bin grandios als Stehaufmännchen“, sagt sie. Jede Tragödie bringt Neues zutage, gibt ihr die Möglichkeit Neues zu kreiieren. Sie weiß, es geht immer weiter. „In meinen Hochzeiten bin ich nicht zu bremsen. Man muss mich wirklich festhalten, sonst gibt’s Ideen ohne Ende, ich dreh mich um mich selbst und verliere mich.” Und sie ist Fatalistin, glaubt daran, dass alles mit Sinn und Zweck passiert.

Was macht Agi mit dieser Ideenflut? Sie ist Editor und Trendscout. Für die Hirschen Group als Head of Content Strategy unterwegs.

Ihr Kreativitätstool: Content Produktion vermengt mit Trendscouting. „Passgenauer Content funktioniert bei mir nur, wenn ich bis ins Mark verstehe, was die Menschen da draußen antreibt, was die Bedürfnismomente sind.“ Sie meint das nicht strategisch, sondern höchst emotional. Trends sind für Agi keine Saisonfarben. Mintgrün oder Lindgrün, darum geht es ihr nicht. Trends sind für sie tiefe Bedürfnisse und Veränderungen. „Das bucht kein Kunde mit ein, das mache ich einfach. Das ist meine Hausaufgabe vorab“, erklärt sie.

Bei ihrer Arbeit hin zu einer guten Kommunikationsstrategie geht es Agi nicht um Personas. Max Mustermann ist ihr egal. Es geht um gesellschaftlich relevante Strömungen. Damit kann sie ihren Kunden erklären, wie diese die Menschen ansprechen müssen, um sie wirklich zu erreichen.

Was Agi aktuell begeistert: The End of More & die Gen Z

Welche gesellschaftliche Strömung fasziniert Agi aktuell am meisten?
The end of more, das Ende der Dekadenz und Oppulenz. Das wird dieses Jahr durch die Engpässe und Verzichtsmomente während Corona besonders deutlich.

Aber das Mindset ist schon tiefer verwurzelt und wird sich ausweiten. Davon ist Agi überzeugt. „Wir wollen nicht mehr 50 Dinge, die uns gut tun, wir hätten gerne Produkte in unserem Leben, die möglichst viel in einem abdecken. Produkte, die hart für dich arbeiten, die echt performen und idealerweise auch noch nachhaltig sind.”  

Denn auch das Thema Nachhaltigkeit wird bleiben, ist Agi sich sicher. Dafür werden Greta und Co. schon sorgen.  

Sowieso ist Agi fasziniert von der Generation Z. „Das sind Arschkrampen, im positivsten Sinne. Die sind geil, die fordern, was wir nicht mehr können, denn das haben wir schon verlernt.“ Wir, also die Generation X, fordern die Transparenz kaum noch ein. „Wie oft schreibst du noch an irgendeinen Kundenservice, weil du wissen willst, wie produziert wird?“, fragt sie mich.

Die Jungen, das sind für Agi die, die nachfragen, die kritisch sind. „Die kommen und überschwemmen die Gesellschaft“, freut sie sich.

Agi über Daniel Auwermann

Daniels Lebenslauf wirkt auf mich wie ein glasklarer Slide, eine Bilderbuchkarriere. Aufgewachsen im Sauerland, die Eltern hatten dort einen Gastrobetrieb. Messdiener und im Schützenverein. Dann Studium beim Bund. BWL an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Mit dem Schwerpunkt interorganisationale Beziehungen. Danach als Marineoffizier im Einsatz. Unter anderem als Sprecher der Vereinten Nationen im Südlibanon und für die EU im Anti-Piraterie-Einsatz am Horn von Afrika. Seit 2010 ist er als Experte für Organisationsentwicklung beratend tätig. Seit 2018 mit dem Beratungsteam von TRAFO. Wow. War das so geplant?

„Den geradlinigen Lebenslauf kann man von hinten immer sehr einfach behaupten“, sagt er. Als er damals bei der Musterung sein Kreuzchen bei Marine gemacht hat, hatte er keinen Schimmer. „Ich habe mir nur vorgestellt aus der Perspektive Sauerland, wow, das ist da hinter den tausend Bergen und da ist viel Abenteuer.“

Was hat ihn besonders geprägt? Und was hat er in Zukunft noch vor?

Von der Uni aufs Boot

Erstmal zurück an die Uni: Was sind nochmal interorganisationale Beziehungen? Und was macht man damit?

„Da geht’s darum, aufbauend auf systemtheoretischen Fragestellungen, wie sich Organisationen miteinander verhalten. Und wie sich Akteure zwischen Organisationen verhalten, wie sie gut interagieren können.“ Neben BWL hat Daniel  Sozialforschung und ein wenig Ethik mitstudiert. Klingt nach nem soliden Grundstein für das, was er heute macht.

Danach ging es zum Offizierlehrgang und ab aufs Schiff. Mein Co-Host Daniel kann also ein Schiff steuern? Ja, kann er. Auf der Brücke stehen und alles im Blick haben, das Radar, die Seekarten, und daraus dann entscheiden wo wir hinfahren. Eine gute Übung für andere Lebenslagen. Auch sonst hat er in der Zeit mit Auslandseinsätzen in Krisengebieten einiges gelernt.

Transformation mit Anarchie und Disziplin

2010 stieg Daniel ins Beratungsgeschäft ein. 2018 gründete er TRAFO, die Organisationsentwicklung der Hirschen Group. Warum nicht eine der großen, klassischen Consultingfirmen? „Ich habe ja ne ganze Weile Beratung gemacht und  viele andere Beratungen gesehen. Und ich habe eben auch an seltsamen Orten erlebt, dass es meistens keine One-size-fits-all-Lösung gibt“, sagt er. „Ich glaube, dass allzu oft in Schubladen denkend oder mit einfachen Modellen versucht wird, Themen zu lösen, die vorher so noch nicht sichtbar waren.“ Daniel nennt das First-Mover-Problem oder auch einfach Ungewissheit. Egal ob Dax-Konzern, Hidden Champion, Ministerium oder NGO. Alle haben Angst vor Ungewissheit, sagt er. Bestimmte Themen lassen sich eben nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnung lösen.

Sondern mit Anarchie und Disziplin. Aha. Wie passt das denn bitte zusammen? Veränderung fühlt sich so an, als hätte man etwas noch nie gemacht, ein bisschen als würde man eine andere Galaxie betreten, meint Daniel. Die TRAFO-Lösung ist dann erstmal Anarchie: alle Menschen an einen Tisch holen, alle ohne Hierarchien zu Wort kommen lassen, so viele neue Ideen wie möglich entwickeln. Selbst bleiben er und seine Kolleg*innen in der neutralen Moderationsperspektive. „Ich war als Blauhelm unterwegs, habe in Syrien, Libanon und Israel geholfen, über die Grenze zu verhandeln. Eine neutrale Moderation ist in so nem Moment der Anarchie, also dem Öffnen sämtlicher Hierarchien, das Gebot der Stunde, um so viele Ideen wie möglich zu entwickeln.“ Dieser Teil ist meistens nicht so komplex, weiß er. Aber aus solchen Verhandlungen etwas Umsetzbares heraus zu destillieren, das ist dann wirklich schwierig.

Im zweiten Schritt braucht es deshalb Disziplin in der Umsetzung einer Lösung. Und eine ständige Kontrolle, ob das, was als Lösung erdacht wurde, auch wirklich funktioniert. Wenn nicht, wird sofort damit aufgehört.

Kreativität gegen Ungewissheit

Ist dieser Prozess kreativ? Er muss es sein, sagt Daniel. Denn für neue Themen in der Organisationsentwicklung gibt es keinen fertigen Plan in der Schublade.

In diesen Situationen geben die TRAFO-Leute Halt. „Aber nicht nur aus der beratenden Perspektive, sondern wir wissen, wie das ist.“ Viele seiner Kolleg*innen haben miterlebt, wie es sich anfühlt, wenn ein Unternehmen sich transformiert. Im Vorstellungsgespräch fragt Daniel Bewerber*innen deshalb: „Was ist eigentlich deine eigene Transformationsstory? Wo hat dich das Leben verändert und wo hast du für dich selber ganz intensiv was mitgenommen?“

Auf mich wirkt Daniel sehr aufgeräumt, diszipliniert, zielstrebig und besonnen. Er hat nicht nur immer eine Antwort, sondern auch eine Frage parat. Das fasziniert mich. Ist er auch privat so organisiert?

Vor der Theke, hinter der Theke

Eher kontrolliert, meint er. Und: „Organisiert im Sinne von ner klaren Vorstellung, wo es hingehen soll.“ Nicht nur unternehmerisch. Das Wort Purpose mag er nicht. Aber er weiß, was sein Weg ist und wo er ein Angebot hat.

Verwurzelt ist Daniel immer noch stark mit seinen Eltern. „Das Stück Anarchie, das in mir wohnt ist möglich, weil ich so eine fundamentale Wurzel in meiner Familie und Partnerschaft habe. Sonst wäre es glaube ich nicht möglich, das zu tun, was ich tue.“ Das kann ich ganz gut nachvollziehen. Geht mir ähnlich.

Was nimmt man denn mit, wenn man in einem Wirtshof aufwächst? Vor allem zwei Sachen: „Man traut sich sehr einfach, auf Menschen zuzugehen. Und man lernt schnell, es gibt vor der Theke und hinter der Theke. Also Themen, die in der Außenwelt stattfinden und eine innere Welt.“ Das erklärt vielleicht das Kontrolliert-Sein.

Und glaubt Daniel an Schicksal? „Ne, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich glaube wir sind alle unseres eigenen Schicksals Schmied“, sagt er. Und ganz wichtig ist ihm: wenn man mal heulend am Boden liegt, Angst hat und nicht weiterweiß, dann muss man selber wieder aufstehen. Denn dieses Gefühl ist entscheidend, selber wieder aufgestanden zu sein.

Vom Sauerland über die Weltmeere nach Berlin

Heute lebt Daniel in Neukölln. Fährt Skateboard (nur auf der Straße) und hat kein Problem damit, sich auch mal für sein E-Bike belächeln zu lassen. Er mag seinen Kiez. „Das fühlt sich gut an. Ich mag gerne unterwegs sein, neue Kulturen, neue Dinge entdecken. Weil ich einfach verstehen will.“ Er fasst gerne Dinge an, hinterfragt sie, spricht mit Menschen darüber, warum sie etwas so machen, wie sie es machen.

Und in Zukunft? Was steht noch auf seiner Bucketlist?

Er würde gerne irgendwann so zur Ruhe kommen wie seine Eltern. Sich umdrehen, zurückschauen und sagen können ‚Das war gut, danke.‘ Bis dahin ist bei Daniel aber noch viel Anarchie im Kopf. „Ich fänds ganz cool wenn ich weiterhin das machen dürfte was ich heute mache. Menschen dabei begleiten, wie sie sich verändern.“

Das zur Ruhe kommen klingt gut. Ich stelle mir vor, wie Daniel irgendwann, auf den Gastrospuren seiner Eltern wandelnd, mit ner Velo-Currywurtsbude durch Berlin zieht. Passt für ihn. Nur mit Waffeln statt Wurst. „Ich hab mal ne zeitlang überall wo ich war, Waffeln getestet und dann den Häusern irgendwelche Notizen geschrieben, Kritiken wie die Waffeln so waren.“ Klingt nach guter Vorbereitung. Vielleicht trifft man Daniel ja irgendwann mit seinem solarbetriebenen Waffel-Dreirad auf dem Tempelhofer Feld….

Das Wichtigste, was wir übereinander gelernt haben: Trotz aller Unterschiede und fast gegensätzlicher Lebensläufe verbindet uns einiges.

Wir wissen, wie es ist, mit der Nase im Dreck zu landen. Und wie gut es tut, wenn man selbstständig wieder aufsteht.

Wir haben beide in Familie und Partnerschaft unseren sicheren Anker gefunden. Er gibt uns Stabilität. Als Gegenpol zu Kreativität und Anarchie.

Wir haben beide massiv Respekt vor dem Anderssein. Fremde Kulturen, andere Ausganslagen – das entfacht immer wieder unsere Neugierde.

Wir sind beide unglaublich dankbar für die Chance, die sich Leben nennt und für das, was wir Großartiges damit anstellen können.

Das ganze Gespräch „Daniel fragt Agi“ hört ihr hier. Und wie Agi umgekehrt Daniel befragt hört ihr hier.

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