Stefanie Trzecinski stellt den inklusiven Coworking Space TUECHTIG vor

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von Agi Habryka & Daniel Auwermann

Ihren Job bei Microsoft hat die studierte Pädagogin Stefanie Trzecinski an den Nagel gehängt. Jetzt sorgt sie mit ihrer gemeinnützigen GmbH KOPF, HAND + FUSS für Inklusion in der Arbeitswelt. Zum Beispiel im TUECHTIG, Europas einzigem Coworking-Space für Menschen mit besonderer Ausgangslage. Dieses und andere Projekte hat sie uns im Kreativiert Euch-Podcast vorgestellt.

„Das TUECHTIG ist ein Ort an dem das Anderssein normal ist.“ So beschreibt Stefanie den Coworking-Space, den sie in den Osramhöfen im Berliner Wedding mitinitiiert hat. Hier arbeiten rund 20 Coworker, mit und ohne körperliche oder geistige Behinderungen. Das TUECHTIG ist der einzige von über 150 Coworking-Spaces in Berlin und sogar europaweit, mit diesem besonderen Angebot. Neben barrierefreier Infrastruktur bietet das Team auch sogenannte Arbeitsassistenzen an. Braucht ein gehörloser Coworker einen Dolmetscher für ein Telefonat mit einem hörenden Kunden, dann ist das im TUECHTIG auch spontan möglich. Absolut keine Selbstverständlichkeit im Arbeitsalltag, erklärt uns Stefanie.

Räume, für alle Menschen nutzbar

Gleichzeitig ist es ein Experimentierraum für Ideen, die unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft insgesamt inklusiver machen. Was brauchen zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer, ein Mensch mit Seheinschränkung und jemand mit Rückenproblemen um gemeinsam an einem Konferenztisch arbeiten zu können? An solchen Lösungen arbeitet Stefanies Team zusammen mit Universitäten und Produktentwicklern. So werden bestehende Büroflächen mit möglichst wenig Geld barrierefrei und inklusiv gestaltet. Der Konferenztisch hat zum Beispiel drei Höhen, die Beine sind mittig und die Tischplatte ist bunt. So kann man am Tisch stehen, mit dem Rollstuhl bequem nah dran sitzen und mit Seheinschränkung ein weißes Blatt Papier auf der Tischplatte gut erkennen.

Weitere Beispiele gefällig? Türgriffe, die auch kleinwüchsige Menschen einfach bedienen können. Digitale Lösungen, mit denen gehörlose Menschen vor der Tür mitbekommen, dass sie eintreten dürfen. Oder eine E-Learning-Plattform für lebenslanges Lernen, die auch Menschen in Gebärdensprache, mit Audiodeskription oder in leichter Sprache nutzen können.

Was ist daran kreativ? Das kommt auf die Definition an: „Alles was wir machen hat immer die Idee, etwas nutzbar zu machen für alle Menschen.“ Es geht also nicht in erster Linie um Coworking, sondern darum, einen Ort zu schaffen, in dem Inklusion sowohl räumlich als auch zwischenmenschlich immer mitgedacht wird. Und das funktioniert, in dem sie im TUECHTIG einfach machen. Einfach loslegen. Rumprobieren, an einem Tischmodell aus Pappe sitzen und dabei feststellen, was für alle funktioniert und was nicht.

Vielfalt, Inklusion, Diversity – alles das Gleiche?

Wichtig für Stefanie: das TUECHTIG ist keine Behinderteneinrichtung, sondern ein Ort, an dem sich alle Menschen wohlfühlen können. Jung und alt, deutsch und international, mit oder ohne besondere Ausgangslage. Vielfältig wie es unsere Gesellschaft auch insgesamt ist.

Was uns zu dem Begriff Inklusion führt, der in ihren Augen in der Gesellschaft oft falsch verstanden wird: „Inklusion bedeutet, dass jeder in der Gesellschaft teilhaben kann. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen, sondern um alle Menschen,“ erklärt Stefanie. In einer wirklich inklusiven Gesellschaft bekommen alle genau das, was sie benötigen. Niemand muss sich an eine Norm anpassen, sich verstecken oder schämen.

Und wo ist der Unterschied zu Vielfalt und Diversity? Stefanie versteht Inklusion als eine Handlungsaufforderung. Vielfalt definiert sie eher als einen Seinszustand, der Teil von Inklusion ist. Diversity kommt dann eher aus dem kulturellen Bereich und sagt, wie man sich verhalten sollte. „Diversity sagt, man sollte etwas tun, Inklusion sagt ‚Tu Das‘ und Vielfalt beschreibt, wie etwas ist“, erklärt sie.

Jeder ist Experte

Inklusion beginnt in unserem Kopf. Wir sollten alle ganz selbstverständlich offen sein, schauen, was der Einzelne braucht. Und jeder soll seine individuellen Bedürfnisse auch mitteilen. „Wenn wir es hinbekommen, gut miteinander zu reden und uns auszutauschen, wäre das ein wichtiger erster Schritt“, sagt Stefanie. Inklusion baut also in erster Linie auf Kommunikation auf. Und auf der Fähigkeit, auch andere Perspektiven einnehmen zu können. Alle dürfen ihre Unsicherheiten im Umgang miteinander zeigen, dürfen nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen. So müssen sich die Gehenden in die Rollstuhlfahrer versetzen können, die Rollstuhlfahrer wiederum auch in die Gehörlosen usw. Denn wir alle sind auf irgendeine Weise Teil einer Minderheit.

In der Inklusion kommen alle zusammen: „Jeder ist bei uns dabei, weil er gut ist, weil er seine Kompetenzen mitbringt“, sagt Stefanie. Ein Mensch mit einer Lernschwierigkeit hat die spezielle Kompetenz zu sagen, ob etwas zum Beispiel in leichter Sprache ausgedrückt werden muss. Es geht bei den Projekten im TUECHTIG nicht ums ‚Betüdeln‘. Es geht darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen, sich gegenseitig ernst zu nehmen. Wir finden, diesen Ansatz sollten wir uns in jeder Lebenslage mehr zu Herzen nehmen!

 

Mehr zu Stefanie Trzecinski:

Stefanie ist studierte Sonderschulpädagogin. Doch lange arbeitete sie bei Microsoft sehr erfolgreich im Vertrieb. 2010 gründete sie daneben die gemeinnützige GmbH Kopf Hand + Fuss. Die ursprüngliche Idee: Stefanie wollte ihre beiden Hintergründe in Pädagogik und IT zusammenbringen und Software für Menschen mit besonderen Ausgangslagen entwickeln. Drei Jahre später kündigte sie bei Microsoft, um noch tiefer in diese Projektarbeit einzutauchen. Dann kam auch noch der Co Working-Space TUECHTIG dazu.

Übrigens…

Wer Stefanie und das TUECHTIG persönlich kennenlernen und die Projekte unterstützen will, ist herzlich zum Charity-Abend von KOPF, HAND + FUSS am 14. November 2020 in Berlin eingeladen. Es wird gepokert, Kontakte geknüpft und die Projekte vorgestellt.

Infos findet ihr zeitnah hier: https://www.kopfhandundfuss.de/

Das ganze Gespräch mit Stefanie im Kreativiert Euch-Podcast hört ihr hier.

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