Hintergrund: Kommunikation im neuen Normal

von Rotraud Diwan, Dr. Daniel Wixforth,
Theresa Schleicher und Daniel Auwermann

Nach den ersten Shut-Down-Wochen der Coronakrise sind wir jetzt mitten in Lockerungsdebatten und richten den Blick auf die kommenden Monate. Was dieser als „neues Normal“ bezeichnete Zustand mit sich bringt, wie wir jetzt kommunizieren müssen und was wir aus den vergangenen Wochen in Zukunft mitnehmen wollen, haben wir im zweiten Live-Webinar der Hintergrund-Reihe am 28. April 2020 mit unseren Gästen diskutiert.

Wir glauben, dass wir die anstehenden Herausforderungen nur durch unterschiedlichste Perspektiven lösen können. Deshalb vereinen wir die verschiedenen Kompetenzen unserer Beratungen innerhalb der Hirschen Group, zum Beispiel im Format „Hintergrund“ – das nächste Webinar findet bereits am 26. Mai 2020 von 17-18 Uhr statt.

The Hammer and the Dance

Besonders auf politischer Ebene lässt sich die Krise in zwei Phasen einteilen, die der Journalist Tomas Pueyo in seinem Artikel auf medium.com als „The Hammer and the Dance“ bezeichnet hat: Auf den Hammer – das totale Runterfahren des öffentlichen Lebens – folgt nun der Tanz – das schrittweise Nachjustieren und ein langsames Hochfahren verschiedener Gesellschaftsbereiche.

Politisch drückt sich das für Daniel Wixforth so aus: Die erste Phase war mit ungewöhnlicher Einigkeit über die ergriffenen Maßnahmen und dem Fehlen kontroverser Debatten sehr weit weg vom alten Normal. Praktisch apolitisch und von den Virologen angeleitet wurde „Flatten the Curve“ zur gemeinsamen Strategie aller. Milliardenunternehmen stoppten ihre Produktion, Menschen blieben wochenlang zuhause, alle vereinigten sich hinter dem Ziel, italienische Verhältnisse im Gesundheitswesen zu vermeiden. Politisch hat das in Deutschland gut funktioniert.

Jetzt sind wir in der Tanz- und Taktikphase angelangt: alte Gräben und Debatten flammen sichtlich wieder auf – das neue Normal nimmt zunehmend Züge des alten Normals an. FDP-Chef Christian Lindner erklärte im Bundestag die Zeit der Einmütigkeit für beendet und CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus forderte, nicht alles könne im Bundeskabinett bzw. der Exekutive entschieden werden.

Auch wenn Kontroverse und starke Partikularinteressen angesichts der Krise bei vielen Menschen Unbehagen auslöst, sei beides in unserer Demokratie absolut notwendig, meint Daniel. Es werde spannend, wie sich diese Dance-Phase demokratisch entwickelt und welche wirtschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Zum Verständnis der politischen Umstände empfiehlt er das Buch „Politik braucht Strategie – Taktik hat sie genug“ von Joachim Raschke und Ralf Tils.

So neu ist das neue Normal oft gar nicht

Natürlich trifft die Krise unterschiedliche Branchen auf verschiedene Weise. Während der stationäre Handel für Wochen größtenteils runtergefahren war, erleben Logistik und Digitalbranche einen massiven Aufwind. Für alle Branchen gilt jedoch, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Gesundheit nicht erst seit Corona auf der Agenda stehen. Die Krise verstärkt sie lediglich, da sich viele Menschen mit ihren neuen Erfahrungen darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Die Wirtschaft müsse sich dementsprechend evolutionär weiterentwickeln, prognostiziert Theresa Schleicher.

Trotzdem: Wir lernen viel dazu

Und doch lassen sich auch neue Prioritäten erkennen, denn es geht verstärkt um Resilienz. Anstatt mit Innovationen vorzupreschen arbeiten viele Unternehmen jetzt gemeinsam an Lösungen. Im mittelständischen Handel entstehen Kooperationen entlang von Lieferketten, um die Endkunden auf neuen Wegen zu erreichen. Das alte Bild der großen Disruptoren, die die Kleinen verdrängen, trete in den Hintergrund, beobachtet Theresa. Eine neue Solidarität entsteht. Jedoch müsse man hier immer wieder die eigene Situation reflektieren und herausfinden, wie man im Sinne der eigenen Resilienz weitermachen könne. Es gelte, Antworten und Angebote für unsere diverse Gesellschaft zu finden. In Zukunft wird es beispielsweise wichtig, neue Käufergruppen der Silver Society zu erschließen.

Was bedeutet die veränderten Vorzeichen für Führung in Organisationen? Daniel Auwermann gibt hier zwei Gedanken mit:

  1. Auch wenn die vergangenen Wochen für viele Unternehmen von Remote Working und zunehmender Selbstorganisation der Mitarbeiter*innen in diesem Konstrukt geprägt waren, sei das noch lange nicht die Vollendung von New Work oder das Finale der Digitalisierung. In Zukunft müsse hier weitergearbeitet werden.
  2. Viele Menschen arbeiten in dieser Ausnahmesituation besonders motiviert. In dieser Lage dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass die Ermüdung bei vielen einsetzt. Ein passendes Bild ist der Marathonlauf im Wald: Läuft man in ein Loch, nimmt man einen Ermüdungsbruch unter Adrenalineinfluss evtl. gar nicht wahr. Führungskräfte müssten entsprechend jetzt einen wachen Blick in ihre Organisation werfen, anstatt blind unter Volllast weiterzufahren.

Es gibt kein Patentrezept, um herauszufinden, wie es der eigenen Organisation gerade geht, zumal Führungskräfte aktuell in einer Doppelrolle stecken, erklärt Rotraud Diwan: selbst von Corona-Auswirkungen betroffen und noch mehr gefordert, sich um ihr Team zu kümmern, Stabilität, Optimismus und Lösungsorientierung zu bieten. Sie rät zu verstärkter und achtsamerer Kommunikation, direktem Anrufen und insgesamt einer höheren Taktung an individuellem Austausch.

Elementar dabei ist eine neue Kultur des Zuhörens, über alle Hierarchiebenen hinweg. Und eine userzentrierte Perspektive in der Kommunikation. Wenn der Geschäftsführer via E-Mail eine Videobotschaft an die Mitarbeiter*innen verschicke, aber die Hälfte der Kolleg*innen auf dem Shopfloor arbeiten und gar keinen E-Mail-Account haben, dann sei das schlichtweg nicht vom Rezipienten der Information her gedacht, gibt Rotraud zu bedenken.

Was wollen wir mitnehmen ins neue Normal?

Auf politisch-gesellschaftlicher Ebene:

Während wir in Deutschland langsam wieder zur alten Normalität der politischen Debatte zurückkehren sieht Daniel Wixforth die Europäische Union bisher als klare Verliererin der Coronakrise. Nationalisierung in ungeahnter Härte hat verhindert, dass wir die Krise nutzen, um die strukturellen Schwächen der EU, die das Corona-Virus in aller Härte offengelegt hat, anzugehen. Es bleibt abzuwarten, ob man daraus in Brüssel und den Haupstädten in den nächsten Monaten Learnings ziehen wird.

Fake News und Verschwörungstheorien treiben in der Krise neue Blüten. Von einer unserer Webinar-Teilnehmer*innen kam der eingehende Appell, den bewussten Umgang mit Quellen stärker in den Fokus zu rücken und das als Learning auch für die Post-Krisen-Zeit mitzunehmen.

Ein stärkeres Narrativ der Regierung – ähnlich „Flatten the Curve“ –, das in der aktuellen Dance-Phase die vielen irreführenden Stimmen übertöne, ist aus Daniel Wixforths Sicht in unserem demokratischen und föderalistischen System schwer zu erreichen.

Auf Unternehmensebene:

Ein positiver Effekt der Krise für Rotraud Diwan ist: Jetzt lässt sich herausfinden, wie agil die eigene Organisation wirklich ist, wie gut viele Dinge in Selbstorganisation funktionieren und wie weit man in Sachen Digitalisierung, Selbstorganisation und vertrauensvollem Miteinander schon ist.

In vielen Bereichen, wie beispielsweise beim digitalen Lernen, hat der Shut Down uns weitergebracht. Eine Webinar-Teilnehmerin aus dem Hochschulbereich hofft, dass das Gelernte zukünftig z.B. zu mehr Wahlfreiheit bei der Lehrform für Dozent*innen und Studierende führt.

Auch das Thema Home Office wird als Erfolgsstory bleiben. Was jetzt unter Extrembedingungen mit Kinderbetreuung/Home Schooling funktioniere, lasse sich zukünftig nicht mehr vollständig wegnehmen, ist eine andere Webinar-Teilnehmerin überzeugt. Unsere Toolbox beim Gestalten von Arbeit ist einfach viel größer und wird in Zukunft entsprechend genutzt werden.

Eine aktuelle Befragung von TRAFO zum Thema „Wie führen Deutschlands Chefs durch die Corona-Pandemie? – Und wieder heraus“ hat ergeben, dass sich für 44 Prozent der Befragten das Verhalten ihrer Führungskräfte verbessert habe. Sie seien pragmatischer in Entscheidungen, zeigten höhere Kreativität und würden häufiger kommunizieren. Diese positive Entwicklung ist es wert, ins neue Normal mitgenommen zu werden.

Zwei weitere Erkenntnisse der Befragung:

  • Während in der Automobilindustrie nur etwas mehr als die Hälfte ihren direkten Vorgesetzten zutrauen die Zukunft zu gestalten, glauben in der vergleichsweise schwer getroffenen Gastronomie rund Zwei Drittel der Befragten, dass ihre direkte Führungskraft sie erfolgreich aus der Krise führen wird.
  • Auch wenn sich in der Bewertung von Männern und Frauen als Führungskräfte in der Befragung kaum Unterschiede ergaben, scheinen weibliche Führungskräfte eine positivere Zukunft zu projizieren: 75 Prozent der Befragten mit einer Frau als Führungskraft schauen positiv nach vorne, bei Menschen mit männlicher Führungskraft sind es nur 63 Prozent.

Registrieren Sie sich schon jetzt für die vollständigen Ergebnisse der Studie und senden Sie eine E-Mail an Daniel.Auwermann@TRAFObeat.com mit dem Stichwort „Führungsstudie“.

Szenarien bringen uns weiter

Wir sind uns alle vier einig, dass für Entscheider*innen zukünftig das Entwickeln von Szenarien noch relevanter wird.

Daniel Auwermann fordert Führungskräfte dazu auf, die klassischen strategischen Businessfragen neben dem Taktieren des Tagesgeschäfts stärker zu fokussieren. Viele Themen stehen seit Längerem an, die dürfe man jetzt nicht völlig vernachlässigen. Entscheider*innen müssten mithilfe von optimistischen und pessimistischen Szenarien eine Perspektive für die nächsten sechs Monate und darüber hinaus entwickeln.

Theresa Schleicher empfiehlt: Dabei sollte als Fokuspunkt die Frage dienen „Wo will ich in zwei Jahren in welchem Bereich stehen?“ Davon ausgehend lassen sich dann Szenarien entwickeln, wie man diese mittelfristigen Ziele des Unternehmens innerhalb der aktuellen Umstände ansteuern kann.

Die angebrochene Dance-Phase gibt mehr Raum für Bewegung, sowohl physisch als auch strategisch, beobachtet Rotraud Diwan. Bei der Entwicklung von Zukunftsszenarien sollten die Mitabeiter*innen zwingend einbezogen werden. Denn sie sind nah am Produkt, am Kunden und am Markt. Sie geben neue Ideen, zeigen, was operativ gut funktioniert und bieten somit Stoff für Innovationen und neue Geschäftszweige. Wenn wir dieses Potenzial nutzen, uns trauen, Dinge neu zu denken, weil aktuell mehr möglich ist bzw. notwendig ist, dann haben wir als Unternehmen die Chance, trotz Krise weiterzukommen, appelliert Rotraud.

Was es jetzt auf allen Ebenen braucht, ist eine involvierende Szenarienkommunikation, fordert Daniel Wixforth. Die Menschen brauchen Strohhalme, an denen sie sich in einer unsicheren Lage festhalten können. Sie wollen mitgenommen werden. Der Bundeskanzlerin falle es aktuell z.B. schwer, so zu kommunizieren. Egal ob in der Politik oder im Unternehmen, die gute Kommunikation von Zukunftszenarien werde demnächst extrem führungsrelevant, erwartet Daniel.

Das nächste Live-Webinar der Hintergrund-Reihe findet am 26. Mai 2020 um 17 Uhr statt. Infos zum konkreten Thema, zur Zusammensetzung unserer Expertenrunde sowie die Anmeldemöglichkeit finden sie hier.

Sie haben noch Fragen oder wünschen sich eine vertiefende Beratung? Unsere Experten stehen Ihnen gerne zur Verfügung:

Themenfeld Mitarbeiter*innen & Kultur:

Rotraud Diwan

Geschäftsführerin, Hi! Employer Strategies

r.diwan@hi-employerstrategies.de

https://hi-employerstrategies.de/

 

Themenfeld Politik & Gesellschaft:

Dr. Daniel Wixforth

Partner, 365 Sherpas – Corporate Affairs & Policy Advice

wixforth@365sherpas.com

https://365sherpas.com/

 

Themenfeld Markenwert & Leitbild:

Theresa Schleicher

Geschäftsführerin, VORN Strategy Consulting

schleicher@vornconsulting.com

https://vornconsulting.com/

 

Themenfeld Führung & Organisation:

Daniel Auwermann

TRAFO Founder und Organisationsentwickler

daniel.auwermann@trafobeat.com

https://www.trafobeat.com/

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