Krisenmanagement – was Entscheider*innen jetzt brauchen

von Rotraud Diwan, Cornelius Winter,
Theresa Schleicher und Daniel Auwermann

Wo stehen wir angesichts der Corona-Pandemie? Was kommt in den nächsten Wochen und Monaten auf uns zu? Und wie können wir als Entscheider*innen möglichst gut agieren. Beim ersten -Live-Webinar der Hirschen Group-Beratungen „Hintergrund. Der Beratungsraum der Hirschen Group“ ging es am 01. April 2020 um genau diese Themen.

Die letzten Wochen haben uns alle stark gefordert, verunsichert, vielleicht auch überwältigt. Doch auch in dieser Lage, in der wir nicht wissen, was nächste Woche ist und wie es in drei Monaten aussieht, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, wo wir gerade stehen, woher wir kommen und wohin wir uns entwickeln können und werden. Als Leitfaden können dabei die 5 Phasen einer Krise gelten.

 

Phase 1 – Warten (Erregung & Bagatellisierung)

Der erste Impuls für viele war: „So schlimm wird es schon nicht“ oder „Uns trifft es vielleicht gar nicht.“ Doch über diesen Punkt des Ignorierens, des Banalisierens und des Abwartens sind die meisten von uns schon hinaus.

-> Führung:

Für Entscheider*innen gilt es zuallererst: Anerkennen, dass wir uns in einer multiplen Krise befinden (Gesundheitskrise, ökonomische Krise etc.) und die damit verbundene Unsicherheit annehmen – persönlich wie beruflich.

 

Phase 2 – Initiieren (Flucht & Kampf)

Die Erkenntnis setzt ein, dass uns Corona nicht nur für 14 Tage beschäftigen wird und nachhaltige Auswirkungen hat. Chaos bricht aus, herausfordernde Entscheidungen stehen an (Mitarbeiter*innen absichern, Geschäftsmodell funktioniert von heute auf morgen nicht mehr usw.), Aktionismus setzt ein.

-> Führung:

Entscheider*innen sind konfrontiert mit Zeitdruck, multiplen Herausforderungen und Entscheidungen sowie multidimensionaler Kommunikation. Nie waren Leadership und Kommunikation wichtiger. Trotz Panik und Chaos dürfen Entscheider*innen jetzt den Fokus nicht verlieren:

  • Kein unüberlegter Aktionismus! Stattdessen: Ruhe bewahren, innehalten und über 3 Dinge nachdenken: das aktuelle Geschäft sichern, kaufmännische Fragestellungen zu Liquidität und Lohnfortzahlungen klären & Klarheit schaffen, welche Themen als nächstes auf einen zukommen.
  • Zum Beispiel:
    • Interne Sondersituationen wie Home Office oder Quarantäne operationalisieren
    • Externe Stakeholder und Entwicklungen im Blick behalten
  • Dafür braucht es:
    • Die Fähigkeit auf Sicht zu fahren und gleichzeitig gewisse Entscheidungen trotzdem „auf Vorrat“ zu treffen. Das bedeutet die richtige Mischung aus Mut und Augenmaß sowie Empathie und gesundem Menschenverstand zu finden. Und das alles, ohne physisch in Kontakt treten zu können.
    • Die Fähigkeit, mehrgleisig zu fahren, wie es die Politik aktuell auch tut, z.B. mit der Entwicklung von Impfstoffen/Therapien, dem Aufspannen eines ökonomischen Rettungsschirms und der beschleunigten IT-Ausstattung von Schulen und Hochschulen für das dezentrale Lernen
    • Die Fähigkeit, eigene Entscheidungen ehrlich zu prüfen und die, die sich als falsch herausstellen, schnell und unprätentiös zu korrigieren. Hinfallen ist okay, aber dann heißt es Aufstehen, Krone richten und weitermachen. Dabei ist kein Platz für Ego: „We not me“ – im Team denken, erkennen, was der Organisation aktuell und in Zukunft am meisten hilft.
    • Die Fähigkeit, ganzheitlich auf die Menschen im Unternehmen zu schauen, sie nicht nur als Arbeitnehmer*innen zu betrachten, individuell auf sie zuzugehen. Denn die Trennung von Berufs- und Privatleben ist für viele aktuell nicht mehr gegeben. Nachfragen, herausfinden: Wer braucht was?

 

Phase 3 – Isolieren (Angst & Hoffnung)

Die nächsten Wochen werden schwer. Ratlosigkeit angesichts der vielfältigen Herausforderungen wird den ein oder anderen ereilen. Man isoliert sich, hält still. Angst wird für viele ein dominanter Faktor. Nachdem wir einige Wochen auf Sicht fahren mussten, ist es jetzt Zeit, den Blick wieder etwas in Richtung Zukunft zu heben. Wie wird es weitergehen? Was ist, wenn mein Laden auch im Mai noch geschlossen bleiben muss?

-> Führung:

Jetzt gilt es, klare Entscheidungen zu treffen und sich bewusst Gedanken machen, was genau in Zukunft wichtig wird:

  • Wie verändert sich mein Markt?
  • Wie geht es für meine Mitarbeiter*innen weiter?
  • Wie kann ich meine Produktion mit entsprechenden Schutzmaßnahmen wieder hochfahren? Z.B. indem ich Schichten komplett physisch voneinander trenne, die Arbeitsplätze weiter voneinander distanziere
  • Trotz der Krise liegen andere (politische) Themen nicht auf Eis. Neben der Krisenbewältigung muss parallel auch der Normalmodus so gut es geht weiterlaufen.
  • Es gilt: Nicht den Zeitpunkt verpassen, ein Zukunftsszenario für die eigene Organisation zu entwickeln. Es wird der Tag kommen, an dem die Zukunft wieder von eigenen Entscheidungen und nicht mehr nur von der Krise abhängig ist. Die neue Normalität will gestaltet werden.

-> Organisation

Stresstest & Qualitätscheck für die Organisationskultur: Sie muss sich jetzt schnell und gleichzeitig dezentral über digitale Kanäle weiterentwickeln. Jetzt zeigt sich, was Konzepte und schöne Parolen auf Plakaten wirklich wert sind:

  • Alle Rollen verändern sich. Führungskräfte müssen mehr Loslassen, Mitarbeiter*innen mehr Selbstorganisation und Eigenverantwortung üben.
  • Dezentrale Teams, digitale Zusammenarbeit und die Bereitschaft zum Ausprobieren werden sich nicht mehr auf den Stand vor der Krise zurückdrehen lassen. Was jetzt passiert ist das neue Normal. Jetzt sind Arbeitgeber gefordert, diese Themen in ihre Identität und damit in ihre Kultur zu integrieren.
  • Chance: Menschen sprechen jetzt darüber, was ihr Arbeitgeber aktuell für sie tut oder nicht tut. Jetzt ist die Chance, durch menschenzentriertes Handeln und werteorientierte und authentische Kommunikation zu punkten. Organisationen, die das sauber hinbekommen, positionieren sich für die Post-Corona-Zeit als attraktiver Arbeitgeber. Und stärken damit ihre Arbeitgebemarke nach innen und nach außen.
  • Die Herausforderung für das „Danach“ lautet: Die guten Dinge mitnehmen, die schlechten Dinge nach der Krise mutig angehen.
Beispiele für interne Organisation im remote-Modus:

Engen Kontakt halten, verstärkt Kommunikation anbieten, Möglichkeiten bieten, Themen abseits der Arbeit zu behandeln, sich gegenseitig helfen:

  • Jeden Tag gemeinsam starten und/oder beenden
  • Über den Arbeitskontext hinausgehen: Wie geht’s euch heute? Was ist in eurem Kopf los? Sorgen ernst nehmen.
  • „Meine Tür ist immer offen“ reicht jetzt nicht! Als Führungskraft die Extrameile gehen, proaktiv Kolleg*innen anrufen, mehr loben als sonst, nachfragen, was helfen könnte und direkt Optionen anbieten.
  • Möglichkeit bieten, auch anonym Fragen zu stellen: Manche Kolleg*innen können/wollen nicht alles in großer Runde besprechen.

 

Phase 4 – Neubesinnung (Innehalten & Aufbruch) und Phase 5 – Neue Normalität (Schadensbehebung & Normalisierung)

Das Schöne an einer Krise ist: Es kommen immer wieder Neuanfänge. Sobald wir uns aus der Isolationsphase herausarbeiten, startet die Neubesinnung und Vorbereitung auf das neue Normal. Fragen drängen sich auf: Welche meiner Produkte werden in Zukunft noch gebraucht? Welche Werte werden dominanter in der Gesellschaft? Was bedeutet das für mein Unternehmen? Worauf muss ich mich einstellen? Die Beschäftigung mit diesen Fragen kann Kraft und Energie geben, nach der Phase der Depression.

-> Jetzt über die eigene Marke nachdenken?

Darf/soll ich mich angesichts der multiplen Krise mit meiner Markenpositionierung beschäftigen? Ganz klar: Ja. Denn alles was wir jetzt tun, hat Auswirkungen auf später. Wenn wir als Marke Verantwortung übernehmen wollen, müssen wir auch jetzt in der Krise wissen, was das bedeutet. Und: was bedeutet es nach der Krise, in einer veränderten Gesellschaft? Vielleicht spielt Nachhaltigkeit dann eine größere Rolle in der Modebranche als schnelle Produktionszyklen. Welchen Beitrag kann ich dann als Unternehmen, als Marke leisten? Wie passt mein Geschäftsmodell dazu? Jetzt ist die Zeit, Hausaufgaben zu machen: Kunden befragen, mit den Mitarbeiter*innen reflektieren, das eigene Markenversprechen vor diesem Hintergrund prüfen. Lohnt sich das? Absolut. Wir sprechen nicht von 14 Tagen Coronakrise. Jetzt, wo wir mehr zusammenwachsen, uns auch als Unternehmen und Marken gegenseitig mit Infrastruktur oder sogar Personal unterstützen, haben wir die Möglichkeit, Allianzen für die Zukunft zu schmieden, Althergebrachtes neu zu denken und passende Themen zu entwickeln. Das gilt über alle Branchengrenzen hinweg, denn wir sitzen alle im selben Boot.

Die Erfahrungen, die wir aktuell alle machen, lassen sich nicht aus dem kollektiven Gedächtnis löschen. Wir haben die Chance, uns vorzunehmen, gestärkter aus der Krise herauszugehen, als wir in sie hineingegangen sind – in allen Bereichen. Plus: Es wird niemanden geben, der die Krise irgendwann offiziell für beendet erklärt. Wir müssen in unserem Umfeld dafür sorgen, einen Zustand zu erreichen, der uns das Gefühl gibt, dass die Krise für uns überwunden ist – das sogenannte neue Normal.

Es wird zu neuen Aushandlungssituationen kommen, wir werden uns in vielen Belangen neu aufeinander einstellen müssen. Dabei darf eine Aufarbeitung der Krise nicht zu kurz kommen, im Großen wie im Kleinen (Staatsverschuldung durch Rettungspakete, Arbeitslosigkeit und Rückkehr aus der Kurzarbeit, Neuaushandeln der Unternehmenskulturen usw.).

Wichtig ist dennoch: In vielerlei Dingen erfinden wir uns nicht neu. Digitaler werden, zusammenarbeiten, sozialer sein – diese gesellschaftlichen Trends haben uns auch schon in den vergangenen Jahren immer mehr beschäftigt. Die Krise schafft jedoch einen disruptiven Moment, in dem diese Phänomene stärker werden. Und sie werden auch danach nicht verschwinden, auch wenn sie vermutlich erstmal wieder ein wenig an Intensität verlieren werden.

-> Führung:

Es wird in den nächsten Wochen und Monaten schwere Themen wie Kurzarbeit und Jobverlust geben. Es macht keinen Sinn, drumherum zu reden.

  • Jetzt gilt es, Transparenz und Menschlichkeit zu zeigen, den Moment anzunehmen und offen zu kommunizieren. Dabei darf/soll auch die persönliche Betroffenheit eine Rolle spielen.

-> Organisation:

Jetzt zeigt sich, wie Organisationen aufgestellt sind, um sich unter Druck weiterzuentwickeln und dabei das Innovationspotenzial des eigenen Teams zu nutzen:

  • Aktuell sehen wir Unternehmen, die innerhalb weniger Tage ihre Produktion umschwenken. Schutzmasken statt Mode, Desinfektionsmittel statt Schnaps oder Parfum. So lässt sich (vorübergehend) neue Beschäftigung für die Mitarbeiter*innen schaffen. Es lohnt sich, Mitarbeiter*innen die Freiräume zu geben, Ideen auszuprobieren, auf ihre Kreativität zu vertrauen.
  • Trotzdem werden Kurzarbeit und Co. für viele Unternehmen anstehen. Aktiver Verzicht als Zeichen passiver Solidarität ist jetzt gefragt. Wenn ich es bisher geschafft habe, das Gemeinschaftsgefühl innerhalb meiner Organisation zu stärken, dann sind auch solche Einschnitte leichter zu ertragen.

Egal, in welcher Entwicklungsphase wir uns heute persönlich oder mit unserem Unternehmen befinden – zu keinem Zeitpunkt macht es Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Das Morgen kommt! Wir bleiben hier und begleiten Sie mit unserer Webinarreihe durch diese Zeit!

Sie haben noch Fragen oder wünschen sich eine vertiefende Beratung? Unsere Experten stehen Ihnen gerne zur Verfügung:

Themenfeld Mitarbeiter*innen & Kultur:

Rotraud Diwan

Geschäftsführerin, Hi! Employer Strategies

r.diwan@hi-employerstrategies.de

https://hi-employerstrategies.de/

 

Themenfeld Politik & Gesellschaft:

Cornelius Winter

Founder & Managing Partner, 365 Sherpas – Corporate Affairs & Policy Advice

winter@365sherpas.com

https://365sherpas.com/

 

Themenfeld Markenwert & Leitbild:

Theresa Schleicher

Geschäftsführerin, VORN Strategy Consulting

schleicher@vornconsulting.com

https://vornconsulting.com/

 

Themenfeld Führung & Organisation:

Daniel Auwermann

TRAFO Founder und Organisationsentwickler

daniel.auwermann@trafobeat.com

https://www.trafobeat.com/

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