… Vertrauen ist besser

von Sina Wellschmiedt

Einfach mal machen? Von schönen New Work-Träumen bis zur realen Veränderung im Unternehmen ist es oft ein weiter Weg. Oder auch nicht. Mit kleinen Workhacks lässt sich manchmal schnell und unkompliziert etwas zum Guten verändern. Vertrauensurlaub ist dafür ein gutes Beispiel.

Seit Jahren haben New Work-Prinzipien Hochkonjunktur. Die Flut der Fachliteratur ist kaum zu bremsen. Ich kann mich also hinsetzen und in 20 schlauen Büchern haufenweise Inspirationen finden. Aber wie komme ich mit meinem eigenen Team, meiner eigenen Organisation von der Theorie in die Praxis? Einfach mal machen? Klingt schön, aber wo fange ich an?

Die Zeiten, in denen man von oben verwalten kann, sind vorbei. New Work verändert das Verhältnis zwischen Mitarbeitenden und Unternehmensführung. Das erfordert einen ehrlichen Umgang aller Beteiligten miteinander. Gerade in unserer Branche der Wissensarbeit braucht es Menschen, die mitdenken, hinterfragen, eine Meinung haben, flexibel und eigenverantwortlich agieren. Dafür braucht es Vertrauen auf beiden Seiten. Als Arbeitgeber vertraue ich darauf, dass meine Leute im Sinne des Unternehmens handeln. Als Arbeitnehmer vertraue ich darauf, dass meinem Arbeitgeber viel daran liegt, dass es mir gut geht, ich meine Potenziale entdecken und entfalten kann. New Work eröffnet im Idealfall jedem die Chance sein bestes Selbst zu finden.

Anfangen und testen – zum Beispiel mit Vertrauensurlaub

Wie „mache” ich also New Work – und im Speziellen – wie verbessere ich das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern? Ein Beispiel, das weder viel Vorbereitung noch viel Aufwand aber viel Veränderung bedeutet, ist die Einführung von Vertrauensurlaub. Er ist eine logische Reaktion auf die zunehmende Eigenverantwortlichkeit und Selbstorganisation der Mitarbeitenden in der Dienstleistungs- und Kommunikationsbranche. Damit werden gleich mehrere Aspekte des New Work-Gedankens angesprochen: Vertrauen, Freiheit, Flexibilität und Eigenverantwortung.

Was bedeutet Vertrauensurlaub konkret? Es wird vertraglich vereinbart, dass jeder Mitarbeiter 20 Tage gesetzlich festgeschriebenen Mindesturlaub im Jahr nehmen muss. Darüber hinaus dürfen so viele Urlaubstage genommen werden, wie gewünscht beziehungsweise gebraucht. Das steht natürlich ebenso im Vertrag. Nach oben offen. Vorausgesetzt, der Urlaub ist im Team und mit den Vorgesetzten abgesprochen und genehmigt. Organisatorischer Vorteil fürs Unternehmen: Es werden keine Urlaubstage mehr ins nächste Jahr mitgenommen.

Dieses Modell testen wir zunächst immer für ein Jahr an verschiedenen Standorten innerhalb der Hirschen Group. Und es kommt gut an. Urlaube werden frühzeitig geplant und klar im Team abgesprochen. Wer nochmal einen zusätzlichen Urlaubstag braucht, weil die Kita geschlossen ist oder weil gerade der Wind zum Surfen gut ist, muss dafür nicht seinen gesamten Jahresurlaub über den Haufen werfen. Positiver Effekt: Tendenziell gehen die Freelancer-Kosten bei Kapazitätsengpässen und auch die Krankheitstage zurück. Kosten für Urlaubsrückstellungen fallen komplett weg. Im Schnitt nehmen die Menschen dafür vielleicht ein oder zwei Tage mehr Urlaub im Jahr als vorher. Auch viele Mitarbeitende, die sich zunächst gegen das neue Modell entschieden haben, sind mittlerweile begeistert und machen mit.

Bewusstseinswandel real machen

Doch diese Zahlen sind nur ein Teil dessen, was die Einführung von Vertrauensurlaub für mich ausmacht. Urlaub ist Erholungszeit. Es ist die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers sicherzustellen, dass es den Mitarbeitenden gut geht und dass sie ihre Batterien auftanken können. Teilweise ist Urlaub aber verkommen zu einer komischen „Anstatt-Gehaltserhöhung-Institution“, die man wild verhandelt und durch die Gegend schiebt und mal auszahlt und mal fünf Jahre immer ins nächste Jahr mitnimmt. Das hört mit der neuen Regelung auf.

Und für alle Zweifler: Manchmal fragen mich Leute außerhalb unserer Organisation, ob ich nicht Angst habe, zu kurz zu kommen. Die Antwort ist: Nein, auf keinen Fall. Aus meiner Sicht hätten wir dann aber auch ein ganz anderes, größeres Problem als nur die Frage nach der Anzahl der Urlaubstage. Denn es ist natürlich selbstredend, dass das Konzept „Vertrauensurlaub“ nur da funktioniert, wo es grundsätzlich ein wechselseitiges, gesundes Vertrauensverhältnis gibt. Bei uns berichten Mitarbeitende, dass das Team durch die intensivere Urlaubsabstimmung sogar noch näher zusammenrückt und der Zusammenhalt stärker wird.

Natürlich steigert die Einführung von Vertrauensurlaub allein nicht die Zufriedenheit der Mitarbeiter insgesamt. Doch ich finde es hat etwas sehr Erwachsenes, so miteinander umzugehen. Es ist ein Geben und Nehmen. Genauso wie ich als Arbeitgeber erwarte, dass alle mit anpacken, wenn die Hütte brennt, kann ich auch etwas zurückgeben und meinen Mitarbeitenden vertrauen, dass sie diesen Freiraum nicht missbrauchen. „Ich vertraue dir und ich glaube, dass du im Sinne der Firma handeln wirst“ verwandelt sich von einer leeren Phrase in die Realität.


Dieser Artikel von Sina Wellschmiedt ist zuerst auf Xing erschienen.

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