Kreativität auf die Lehrpläne!

von Marcel Loko

Wenn intelligente Maschinen immer größere Teile unserer Arbeit übernehmen, stellt sich die Frage, was wir Menschen dann tun. Wie wäre es damit, unsere Kreativität zu nutzen, um diese und andere Fragestellungen zu adressieren? (Nein, wir sollen nicht alle Künstler werden!) Das Gute: Kinder sind von Natur aus kreativ. Wir dürfen es ihnen nur nicht abtrainieren! Wie das aussehen kann, haben meine Partner Bernd Heusinger, Martin Blach und ich uns angeschaut.

Die folgenden Sätze haben wir alle oft gehört oder gelesen: Alle Kinder müssen am besten schon im Kindergarten programmieren lernen. Wir brauchen mehr Tablets im Unterricht und mehr Studierende in den MINT-Fächern.

Ja. Das mag seine Berechtigung haben. Allerdings, gerade in Sachen MINT sind wir schon ganz gut dabei: Laut OECD gibt es in keinem anderen Industrieland so viele Studierende in diesen Fächern.

Aber das allein macht unsere Kinder nicht fit für die Zukunft und Deutschland nicht automatisch wettbewerbsfähiger! Denn im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz sind verstärkt Menschen gefragt, die schöpferisch und kritisch denken können. Wer nicht gelernt hat, Dinge zu hinterfragen, Ideen anzupacken und mutig auszuprobieren, wird es in Zukunft schwerer haben. Wer sein angehäuftes technisches Wissen nicht kreativ auf die sich immer schneller ändernden Rahmenbedingungen anwenden kann, dürfte es schwerer haben, wenn intelligente Algorithmen auch das Entwerfen und Optimieren übernehmen.

Die OECD richtet den Fokus deshalb künftig mehr auf Kreativität, Entrepreneurship, Offenheit und Empathie. Der nächste PISA-Test 2021 soll als erster internationaler Test Kreativität von Schülern messbar machen. Andreas Schleicher, Entwickler des PISA-Tests erklärt diesen Wandel in einem hörenswerten Podcast:

„In a way, the world no longer rewards you for what you know. Google knows everything. The world rewards you for what you can do with what you know, your capacity to imagine, to innovate, to think a thought that nobody has thought, to create something of intrinsic positives, your capacity to manage tensions and dilemmas.”

Lernen statt Unterricht: Wir brauchen mehr Freiheit!

Diese kreativen Fähigkeiten brauchen ein neues Verständnis von Lernen! Doch in der deutschen Bildungslandschaft dominieren nach wie vor Leistungsvergleiche, Autorität, starre Grenzen und Auslese. Verunsicherte Eltern schicken ihre Kinder immer früher in den Ausbildungswettlauf, um ihren sozialen Status zu wahren.

In anderen Ländern denkt man längst anders. Sogar in Chinas Schulen hält Kreativität Einzug, wie Bildungsforscher Schleicher berichtet. Beim Thema digitaler Wettbewerb brauchen sich die Chinesen bekanntlich heute schon nicht zu verstecken. 

Pioniere des kreativen Lernens

In unserem Buch Kreativiert Euch! haben wir tolle Beispiele für kreative Bildung vorgestellt:

An der Gesamtschule Weiherheide in Oberhausen steht für Achtklässler das Wahlpflichtfach Kresch – Kreative Schule – auf dem Stundenplan. Was wird unterrichtet? Nichts. Genauer: „Das Fach ist eigentlich eine Leerstelle, die die Schüler unter Anleitung füllen müssen“, erklärt Schulleiterin Doris Sawallich. Sie sollen herausfinden, was Kreativität bedeutet. Können heutige Schüler mit soviel Freiraum umgehen? Ja. Im Kresch-Kurs entstehen spannende Projekte. Wichtiger ist aber das, was diese Erfahrung mit den Schülern macht: Die Schüler seien oft motivierter, reflektierter, selbstbewusster. Allesamt wichtige Fähigkeiten für eine erfolgreiche Zukunft.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) hat den klassischen Unterricht gleich ganz abgeschafft. Die Schüler erarbeiten sich ihre Lernziele jahrgangsübergreifend gemeinsam, Lehrer unterstützen lediglich. Ältere Schüler schickt man mit 150 Euro pro Nase für drei Wochen auf Exkursion. Das Mindset der Gründer: Die Fähigkeit zur Selbstmotivation ist das Wichtigste, was man Kindern beibringen kann. Sie sollen zu „mündigen, zukunftsfähigen und verantwortlichen Weltbürger*innen“ befähigt werden. Die ESBZ bringt mehr Schüler zum Abitur als andere Berliner Gesamtschulen.

Inspiriert hat uns auch der Ansatz von Nicolas Sadirac. An seiner Informatikhochschule 42 in Paris gibt es keine Kurse. Für die Studierenden gibt es nur zwei Regeln: Kleidung tragen in den Arbeitsräumen und wenn es geht bitte täglich duschen. Ansonsten sind sie frei, erarbeiten sich das Programmieren mithilfe eines Computerspiels. Für die Absolventen stehen große Unternehmen Schlange.

Kreativität gehört auf jeden Lehrplan!

Keine Frage, unsere Schulen kämpfen mit vielen Problemen. Aber warum machen wir daraus nicht Chancen? Und wie können wir uns als Unternehmen einbringen? Es geht hier schließlich um unsere Mitarbeiter von morgen! Zwei Anregungen dazu:

  1. Tablets für alle Schüler? Ja, aber dann müssen sie auch sinnvoll genutzt werden. Digitale Bildung ist heute oft so kreativ wie kochen mit Hello Fresh, sagt unser Kollege und Bildungsexperte Frank Richter von ressourcenmangel. Das bringt uns nicht weiter! Schüler müssen digitale Tools nutzen können, um etwas zu entwickeln, zu kollaborieren, sich kreativ auszuleben.
  2. Liebe Kultusministerkonferenz, bringt Kreativität auf die Lehrpläne! Vorbilder gibt es genug! Und vielleicht lassen sich ja angesichts des immer wieder beklagten Lehrermangels zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Holt kreative Praktiker in die Klassenzimmer, die das echte Leben mit in die Schule bringen!


Dieser Artikel von Marcel Loko ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

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