#Juni: Kulturpessimismus, Antikapitalismus und Surreales am Strand

von Marcel Loko

Surreale Zukunftsmomente in Cannes

Die Cannes Lions waren für mich in diesem Jahr sowohl beeindruckend als auch surreal. Beeindruckend deshalb, weil die komplette Stadt praktisch kreativ lahmgelegt wurde. 15.000 Menschen aus der Kreativbranche auf einem Haufen, das gibt es sonst nirgendwo. Ich bin stolz, Teil des Ganzen zu sein!

Wenn man barfuß im Sand steht und Sheryl Sandbergs zuhört, Peter Moore von der Triumphfahrt seines FC Liverpool nach dem gewonnenen Champions League-Finale erzählt, und sich in den Messehallen die Vollbartträger drängeln, dann hat das für mich schon etwas Surreales.

Meine wichtigste Erkenntnis ist aber diese: Creativity rules! Die größten Strandpavillons beim „Festival of Creativity“ haben nicht mehr WPP oder Omnicom sondern Google und Facebook, das größte Plakat hängten die Digitalberater von Accenture auf. Kreativität ist nicht länger der Kreativbranche vorbehalten. Das merkt man spätestens, wenn die Tech- und Digitalplayer in unserer Branche so präsent sind. Was für mich daran begrüßenswert ist, dass Kreativität auch über unsere Zunft hinaus immer mehr an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnt. Bei der Hirschen Group bekräftigen wir diese Entwicklung mit unserem #KreativiertEuch-Aufruf. Kreativität sollte in viel mehr Unternehmen und in der Gesellschaft generell gefördert und gefeiert werden!

Antikapitalismus in Heiligenhafen

Auf dem ZEIT Summer Camp für den Unternehmernachwuchs hat mich Einhorn-Mitgründer Philip Siefer wirklich inspiriert. Die Umsätze seines Kondom-Business sind für alle Mitarbeiter transparent und die Kollegen haben großes Mitspracherecht in Sachen Einstellungen, Gehälter, Arbeitszeiten und Urlaubstage. Das beeindruckt mich. Nicht, weil ich Philips antikapitalistische Ansichten und seine entsprechende Unternehmensführung zu hundert Prozent teile. Sondern weil er alles ständig und grundsätzlich hinterfragt. Das ist aus meiner Sicht eine Kernkompetenz für eine kreative Herangehensweise an die Herausforderungen der Zukunft. Philip ist für mich ein klarer Botschafter für Kreativierung!

Kulturpessimismus in Graz

Warnende Stimmen sind ja immer gut, wenn zu viele Menschen euphorisch sind. Beim Fifteen Seconds Festival in Graz sind Andrew Keens Aussagen bei mir hängen geblieben. Der britisch-amerikanische Bestsellerautor ist ein Mahner vor den Folgen der immer weiter vernetzten Welt. „The internet is not the answer“, propagiert er. Er ist nicht überzeugt von der Schwarmintelligenz und kollaborativen Natur des Netzes. Er warnt vor der Übermacht von Google, Facebook und Co. Ich fand es reizvoll, sich auf einem Zukunftsfestival mit jemandem auseinanderzusetzen, der laut und aggressiv einen Weg zurück fordert – ein kritischer Gegenpol in einer digital sehr begeisterten Umgebung. Trotz aller Warnungen nutzt Keen die sozialen Medien selbst aktiv, um seine Botschaften zu verbreiten. Ein wandelnder Widerspruch. Seine Ansichten waren für meinen Geschmack eine Spur zu negativ – eine Mischung aus Doomsday und Kulturpessimismus.

Ich bin deutlich optimistischer, was die Herausforderungen der Zukunft angeht. Wir sind mit Veränderungen immer schon auf unsere ganz eigene, menschliche Art umgegangen: Indem wir unser kreatives Potenzial nutzen und neue Lösungen für unser gemeinsames Morgen finden. Denn Kreativität steckt in jedem von uns – wir müssen sie nur suchen. Für mich hat das etwas mit Mut zu tun, Dinge einfach ausprobieren, Fehler machen, daraus lernen. Und vor allem: die Köpfe zusammenstecken und Herausforderungen gemeinsam angehen. Dann finden wir gute Antworten für eine digitale Zukunft, die keine Angst macht. Eine Zukunft, die wir mit unserer Kreativität täglich gestalten können!


Dieser Artikel von Marcel Loko ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

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